Theorie und Praxis
Mytikas - Juli 2026

Fast drei Monate gehören nun schon wieder der Vergangenheit an. Unser Dieselmotor hatte nur seltene Einsätze. Den Segeln wehte reichlich Wind um die Nase, so wie es sich für ein Segelboot gehört. Am 4. August fliegen wir nach Deutschland, dann aber nichts wie ab nach Köln. So schnell wie möglich wollen wir unser Enkelkind begrüßen und in die Arme schließen. Richtig! Wolle und ich sind am 22. Juli Großeltern geworden. Fotos und Videoanrufe halten uns bisher auf dem neusten Stand und lassen uns dahinschmelzen. „Ene echte Kölsche Jung“ wird uns präsentiert, friedlich und noch im Reinen mit sich und der Welt.
Wenn wir neue Ziele erreichen, sich der Anker im Sand vergraben hat, das Dinghi schwimmt, habe ich in aller Regel vorab Erkundigungen eingeholt, was uns im Städtchen oder Dörfchen an Land erwarten wird. Ganz häufig wird für diese Beschreibung das Wort „authentisch“ verwendet. Ehrlich gesagt hatte ich mich bis dato nicht mit diesem Begriff auseinandergesetzt. Lediglich ein Gefühlt von etwas Hübschen, Netten, Positiven schwirrte mir durch den Kopf. Deprimierend war es dann, wenn mir dieser Ort so gar nicht gefiel. Reichlich Beton, Unfertiges, Verfallenes, Müll…
Ich nahm also mein Nachschlagewerk zur Hand, las und verstand die Definition in der Theorie. Erlebt und begriffen habe es allerdings erst in der Praxisstudie im Städtchen Mytikas. Nach vier Tagen am Sandstrand vor Anker und einigen Landgängen hatten wir uns reichlich Eindrücke von Land und Leuten verschaffen können.
Mytikas ist ein kleiner Ort mit wenig Tourismus. Ein paar Appartements, einheimische Camper und Segler. Supermarkt,-und märktchen, Obst und Gemüsehändler mit regionalen Produkten sorgen für eine gute Versorgung. Die Ware lagert, so wie die Natur sie schuf, ein bisschen fleckig, ein wenig krumm. Dass die Kartoffeln aus der Erde kommen, ist eindeutig zu erkennen. Die Orangen sind, rein opisch B-Ware, trotzdem zuckersüß und saftig. Die Metzgerei hat weder Theke noch Fleischauslage, dafür aber einen großen, runden Hackklotz, Messer, Beil und Säge. Das Fleisch lagert im Kühlraum. Man sollte also wissen was man möchte, wird dann professionell und freundlich bedient.
Tavernenwirte flitzen über die Strasse, holen sich die benötigten Zutaten für ihr Souvlaki, Tzatziki und Co. direkt vom Nachbarn. So bleibt das Geld im Ort. Griechische Wirtschaften gibt es viel zu viele. Wenn die Tische besetzt sind ist es gut, wenn nicht - auch gut. Dann vielleicht morgen.
Männer sitzen in geselliger Runde beim Kaffee, plaudern, spielen. Die Tasse Kaffee, oftmals leider auch Einwegbecher, reicht für Stunden. Niemand wird zur weiteren Bestellung gedrängt. Ein passierendes Auto hält, mischt sich bei laufendem Motor und heruntergekurbeltem Fenster mit ins Gespräch. Folgende Fahrzeuge warten, bis alles gesagt ist. Hupen, drängeln, schimpfen! Warum? Eine Gruppe griechischer Damen zieht am Nachmittag schwadronierend mit Sonnenhut und Badetuch Richtung Meer. Mann(Frau) steht gerne im Kreis, bis zur Brust im Wasser. Diese Gesprächszirkel werden ohne Zeitlimit zelebriert. Wann und warum es irgendwann zum Ende kommt, habe ich noch nicht herausgefunden.
Nach Sonnenuntergang ist das Hauptgeschäftssträßchen autofrei. Junge Familien schieben Kinderwagen, der größere Nachwuchs saust mit Lauf-, und Fahrrädern kreuz und quer. Senioren sitzen vor ihrer Haustür, wenn es mit dem Gehen nicht mehr so klappt, bleiben so aber auf dem Laufenden. Teeniegrüppchen haben sich hübsch gemacht, flanieren, tuscheln, kleine Taschen mit Goldkettchen baumeln an ihren Schultern.
Frisöre machen jetzt gutes Geschäft. Ein Schmuck-Klimbim-Stand, ein Regal mit lokalen Produkten im Supermarkt. Das reicht für die wenigen ausländischen Besucher, denen dieser Ort nicht zu authentisch war. Das einstmals erste Haus am Platzt hat seine Pforten seit längerem geschlossen. Daraus macht es keinen Hehl. Ob es jemals eine Blütezeit gab?
Wir saßen gegenüber an der Hauswand eines Cafes/Bar. Vor uns das Schauspiel des ausklingenden Tages. Schräg gegenüber sind die prächtigen Ornamente am Dach eines venezianischen Hauses zum Teil erhalten. Baufälliges wurde soweit abgerissen, so dass keine Gefahr für Leib und Leben besteht. Der Rest ist da, weil er eben stehengeblieben ist. Die Fassaden der umliegenden Gebäude sind alles andere als makellos. Der Putz bröckelt, die Farben des Anstrichs lassen sich allerhöchstens erahnen. Die morschen Stellen der Holzplanken einer Terrasse wurden mit Betonplatten abgedeckt, damit niemand hineintritt und sich verletzt.
Wir hatten uns an unserer Poleposition Bier bestellt. Dazu gab es ein Schüsselchen Chips. Danach bestellten wir uns ein Glas Wein. Dazu gab es nochmal Chips und später einen kleinen Teller mit frisch zubereitetem Gyros, Tomaten und Pitabrot. Alle Speisen selbstverständlich aufs Haus. Vielleicht trinkt der dünne, alte Mann am Tisch gegenüber deshalb jeden Abend sein Bier hier. Wer weiß? Sie haben hier das ganze Jahr geöffnet, erzählt die nette Bedienung. Im kleinen Innenbereich steht im Dezember ein Weihnachtsbaum auf dem Tresen.
Am Kiosk kauft sich gefühlt fast jeder seine Zeitung und seinen Kaffee im Pappbecher mit Plastikhaube und Saughalm. Nicht selten steht das Auto währenddessen mit laufendem Motor vor dem Eingang. Ein Mann befreit seine Zigarettenschachtel von der Folie, die auf direktem Weg der Erdanziehung folgt und, wie so vieles dieser Art, irgendwo am Straßenrand im Gebüsch den Ort erreicht, dem niemand mehr Beachtung schenken wird.
Die Menschen sind nicht in Rollen geschlüpft, zeigen mir keine Fassade, damit so eine wie ich es „ganz entzückend!“ findet. Das alltägliche Leben bestimmt das Bild. Ich bin nur Zaungast dieser unverfälschten Welt.
Ehrlichkeit, gepaart mit der Treue zu Gutem wie Schlechtem. Im Einklang mit den eigenen Werten, Gedanken und Gefühlen. Glaubwürdigkeit und Unverstelltheit. Es muss mir persönlich gar nicht gefallen, nicht meinem Geschmack entsprechen. Werte und Moral müssen sich nicht mit meinen decken. Ich kann mich aber gut darauf einstellen, weil sie mich nicht anlügen, mir nichts vorgaukeln.
Das kann man auf Orte, wie auch auf Menschen beziehen.
Man weiß auf jeden Fall woran man ist. Schönheit und Ästhetik sind somit für die Authentizität kein Massstab. Sie liegen immer allein im Auge des Betrachters.
Das ist es also.

